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Impressions from the reading life

Tränenreiches Kammerspiel im Hungerturm

Ugolino: Eine Tragödie in fünf Aufzügen - Heinrich Wilhelm von Gerstenberg

Der Auftakt zur großen Magisterlernsause: Eines meiner Prüfungsthemen ist Dramen des Sturm und Drang und dafür habe ich den Prototypen dieser Gattung, den Ugolino, gelesen. 

 

Inhalt

Ugolino ist mit seinen drei Söhnen in einem Turm eingesperrt. Er hat nach der Macht über Pisa gegriffen und wurde von seinem Feind, mit dem er sich zum Zweck des Machtgewinns verbündet hatte, verraten. Nun hat man ihn und seine Nachkommen dem Hungertod überlassen.

Während die Söhne sich um eine Flucht bemühen, ist der Vater von Schuldgefühlen zerfressen, da seine Söhne durch seine Fehler leiden müssen. Während der Hunger immer schlimmer wird, droht der moralische und geistige Zerfall.

Gerstenberg hat hier etwas ganz Neues gewagt: Dieses Drama will nur von inneren Vorgängen erzählen und verzichtet auf die klassischen, sich anbietenden Themen und Motive: Ugolinos Schuldfrage bleibt so völlig außen vor. Stattdessen soll der Zuschauer Mitleid für ihn in seiner jetzigen Situation empfinden. Auch die politischen Gefechte im Hintergrund werden nicht erörtert (und damit der Kampf Recht gegen Macht).

 

Der optimale Hintergrund für das neue Drama ist geschaffen: Die Konzentration auf das reine Empfinden der Figuren (4 an der Zahl). Und das klingt dann so:

ANSELMO. Hilf dem armen Gaddo, mein Vater! Sein Anblick dringt mir ans Herz.

UGOLINO. Guten Mut, mein wackrer Anselmo. – Armer Gaddo!

GADDO. Ach, mein Vater!

ANSELMO. Ich dachte nicht, daß es so böse Menschen auf der Welt geben könnte. Warum hat der Turmwärter dem armen Gaddo nichts zu essen gebracht? Ein tückischer Mann, der Turmwärter!

UGOLINO. Er kann krank sein; es kann ihn ein Unglück betroffen haben. Er ist unschuldig an unserm Hunger.

ANSELMO. Hungert dich denn auch, mein Vater?

UGOLINO. Dich nicht, mein Lieber?

ANSELMO. Mich dünkt, daß mich weniger hungern würde, wenn der arme Gaddo zu essen hätte. Ich kann sein eingefallnes bleiches Gesicht nicht ohne Schmerz ansehen. Umarmt Gaddo.

UGOLINO. Armer Gaddo!

GADDO. Sei nicht traurig, mein Vater.

ANSELMO. Sieh, mein Vater, ich bin nicht traurig. Trocknet sich die Augen ab. Ich bin nur müde.

UGOLINO. Und müßt ihr meine Tröster sein? Ha! es ist bitter.

(S.1f.)

 

Inf. 33 Joseph Anton Kock, Ugolino con i figli nella torre della fame,

Ugolino im Hungerturm (Göttliche Komödie)

Es wird also tüchtig geweint und sich umarmt, sodass einem nichts anderes übrig bleibt, als mit zu leiden. Auf einer modernen Bühne kann ich mir dieses Gesülze nicht vorstellen.

 

Witzig an diesem revolutionären Stück ist die klassische Struktur: Die Einheiten von Ort und Zeit werden besser erfüllt, als bei den meisten klassischen Dramen. Da wird der Theoretiker Gerstenberg, der viele theoretische Schriften zur Dramentheorie verfasst hat, von dem Dramatiker Gerstenberg überholt. Eigentlich fußt diese Theorie auf den Werken Shakespeares, die in keine Schublade passen und den späteren Stürmern und Drängern ebenfalls zum Ideal wurden.

 

Das Ende ist wirklich krass und die extremste Steigerung der Leiden Ugolinos, die während des Schauspiels immer schrecklicher wurden. Die Reaktionen bei einem 1770er-Publikum müssen heftig gewesen sein. Ohnmächte, Heulkrämpfe, was damals halt so angesagt war (es gibt ja Berichte davon).

 

Also: Faszinierende Theorie, faszinierende Hintergrundgeschichte (die ich blöderweise erst recherchieren musste), viel Geheule.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.com/2014/07/heinrich-wilhelm-von-gerstenberg-ugolino.html