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Impressions from the reading life

Eyes Wide Shut

Traumnovelle (SZ-Bibliothek, #12) - Arthur Schnitzler

Eine nicht ganz so bekannte Buchadaption ist Eyes Wide Shut von Stanley Kubrik. Es basiert auf Traumnovelle von Arthur Schnitzler. Meine Meinung zu Schnitzlers Novelle habe ich ja bereits kundgetan, bleibt also nur noch der Film.

 

Die Story ist, abgesehen von der Verlegung der Geschichte in das weihnachtliche Manhattan der Neunziger, der von Schnitzler sehr ähnlich: Bill und Alice scheinen alles zu haben, was sich ein Ehepaar erträumen kann. Eine luxuriöse Wohnung, eine süße kleine Tochter, eigene Arztpraxis, gesellschaftliches Ansehen. Doch schon bald erscheinen Risse in der Fassade: Auf einem Weihnachtsfest kann sich Alice den Avancen eines Fremden nur schwer entziehen und Bill taucht mit zwei Models im Arm wieder auf.

Als Alice beichtet, Mann und Kind einmal fast für einen fremden Mann hergegeben zu haben, ist Dr. Bills Ehre schwer angeknackst. In einer nächtlichen Odyssee versucht er mehrmals, Alice zu betrügen oder wird in Versuchung geführt. Zuletzt wird er durch eine scheinbar allmächtige Geheimgesellschaft bedroht, die vor nichts zurückschreckt, als er sich ungebeten zu einer ihrer Orgien einschleichen kann.

 

Ich könnte ewig über die Finesse dieses Films schreiben. Das liegt aber nur daran, dass ich ihn laange untersucht habe, nicht daran, dass er mir auf Anhieb gefallen hätte. Keiner von Kubricks Filmen gefällt mir. Ich finde sie schlau und visuell wie technisch einzigartig, aber ich mag sie nicht.

Eyes Wide Shut ist mir nun wider Willen etwas ans Herz gewachsen. Für eine Hausarbeit habe ich den Film mehrmals angesehen (ich musste dafür die BluRay anschaffen, sodass ich den Film in gefühlt 20 Sprachen ansehen kann) und angestrengt auf Details geachtet.

 

So war mir irgendwann deutlich vor Augen, dass das New York des Films ein Londoner Filmstudio ist (Kubrick litt angeblich unter Flugangst); man sieht, wie kleine Versatzteile und der Blickwinkel geändert werden und schon hat man ein neues Set.

Kubrick hat in seinen (späteren) Filme alles unter Kontrolle, alles hat eine Bedeutung. Die Farben, die Namen, Requisiten im Hintergrund. Zum Beispiel Bill, der auch öfters Dr. Bill genannt wird, verschleudert auf seinen Abenteuern Unmengen an Dollarscheinen, dollar bills, und glaubt, dadurch Macht zu haben. Das funktioniert natürlich nur, solange er nicht auf Mächtigere als ihn trifft.

 

Tom Cruise wird ja selten als Schauspieler gelobt, und für diesen Film musste er auch einiges einstecken. Nicole Kidmans Abwesenheit in den meisten Szenen fällt sofort auf, denn sie spielt unglaublich intensiv. In der deutschen Synchronisierung fand ich sie total übertrieben, aber im Englischen wirkt das nicht so.

Was neu ist, ist Bills Patient Victor Ziegler, gespielt von Sydney Pollack. Bills Verhältnis zu dem reichen Ziegler ist in vielerlei Hinsicht der Schlüssel zum Film. Victor (auch dieser Name kommt nicht von ungefähr) demonstriert seinen Reichtum auf dem jährlichen Weihnachtsball, und scheinbar lädt er seinen Hausarzt nur deswegen dazu ein, damit der einspringen kann, falls mal eine seiner Prostituierten eine Überdosis abbekommt. Hinter der prunkvollen, altehrwürdigen Fassade gehen düstere Dinge vor, die Ziegler lieber unter Verschluss hält.

 

Eyes Wide Shut ist dank seiner mechanisch-kalten Orgienszene verschrien als der unerotischste Film aller Zeiten, als Sexfantasie eines alten Mannes. Ich sehe das anders. In meiner Arbeit habe ich gezeigt, wie Kubrick durch gezielte PR und die Besetzung des damaligen Ehepaares Cruise-Kidman das Publikum in die Irre geführt hat. Es ging erfüllt von voyeuristischen Erwartungen in die Kinos und konnte darum mit "weit geschlossenen Augen" nicht sehen, was der Film wirklich zu sagen hatte. Nämlich, dass unsere Gesellschaft auf Erotik, Geld und Macht aufgebaut ist und wir alle käuflich sind. Und dass wir uns alle hinter Masken verbergen. Kurz gesagt. Wenn man sich von den erotischen Erwartungen losmacht und auf die Bildsprache achtet bzw. auf die Botschaften, die Kubrick manchmal überdeutlich in Bild, Handlung und auch gerne im Dialog versteckt, dann ist der Film gar nicht schlecht, aber in jedem Fall anspruchsvoll und nicht so leicht zu entschlüsseln. Tipp: Wer den Film anschaut, kann auf das Thema Konsum (in jeder Gestalt) mal achten.

Es ist faszinierend. Das ist es: Der Film fasziniert mich.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.com/2014/06/buchverfilmungschallenge-eyes-wide-shut.html