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Impressions from the reading life

Schnitzler. Traumnovelle

Traumnovelle (SZ-Bibliothek, #12) - Arthur Schnitzler

Wien um die Jahrhundertwende. Fridolin und Albertine führen eine Ehe, die auf den ersten Blick als harmonisch zu bezeichnen ist. Die kleine Tochter wird mit einer Gutenachtgeschichte ins Bett gebracht, Fridolin ist Arzt, Albertine die umsorgende Ehefrau und Mutter, man besucht Feste und verbringt traute Liebesnächte. Doch als Albertine beichtet, dass sie dieses Leben für einen fremden Mann beinahe verlassen hätte, flieht Fridolin in die Nacht und zieht rastlos um die Häuser.

In dieser und den folgenden Nächten werden seine intimsten Fantasien scheinbar Wirklichkeit und er wird mehrmals in Versuchung geführt, seine Frau zu betrügen. Zuletzt wird gar sein Leben von einer mysteriösen, scheinbar mächtigen Geheimgesellschaft bedroht, die jedoch keine Spuren hinterlässt.

 

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Wer hätte gedacht, dass ich mit dem guten Schnitzler doch noch mal warm würde? In der Schule habe ich Lieutnant Gustl und Fräulein Else direkt hintereinander gelesen und fand's blöd. Dieser Bewusstseinsstrom hat irgendwie genervt (wohl, weil die Protagonisten, deren Gedanken man hier folgt, nicht aus ihren Denkmustern ausbrechen können und so auf den Leser etwas beschränkt wirken); zum Glück ist diese Novelle nicht so geschrieben.

 An der mysteriösen nächtlichen Odyssee Fridolins haben mir vor allem die vielen Märchenmotive gefallen (die Streifzüge über drei Nächte, dreimalige Verführung, eine Kutsche, deren Türen sich wie von selbst öffnen), aber auch die psychoanalytischen Züge. Schnitzler erkundet seine Figur ganz genau, zeigt ihre Schwächen, ihre Unvollkommenheit, ihre Laster. Trotzdem und trotz einigem am Erotik wahrt er einen leicht witzig-ironischen Erzählton, sodass das kleine Reclamheft auch leicht wie eine Feder zu lesen war. Überhaupt zeigt Schnitzler hier an einigen herausragenden Sätzen, dass er jedes Wort sorgsam gewählt hat.

Über den Schluss musste ich ein wenig grübeln, bin dann aber zu einem befriedigendem Ergebnis gekommen. Du alter Fuchs, Schnitzler!

 

Eine sehr menschliche Geschichte, und angesichts des Publikationsjahres 1926 auch recht mutig. Allerdings hat er ja schon vorher bewiesen, dass er Erotik nicht für ein Tabu hält (v.a. durch das Skandalstück Reigen, aber auch Fräulein Else). Ob Fridolin nun alles nur geträumt hat, wie der Titel andeuten könnte (und einige andere Details in der Novelle selbst), scheint mir gar nicht so wichtig wie die Tatsache, dass es sowohl Traum als auch Wirklichkeit gewesen sein könnte. So spielt Schnitzler mit dem Unbewussten, das Freud durch die Träume aufzuspüren versuchte.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.com/2014/06/arthur-schnitzler-traumnovelle.html