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Impressions from the reading life

W.B. Yeats und Gedanken über Lyrik

Okay, diese Rezension wird etwas anders, denn ich stehe vor der Frage, wie ich, die Lyrik eher anstrengend findet, einen Gedichtband bewerten soll.

Obwohl ich schon ein Gedicht hier und da gut vertrage und auch genießen kann, ist ein ganzes zu lesendes Buch voll davon eine Herausforderung. Ich habe versucht, mich zu ca. 3 Gedichten pro Tag zu verpflichten, um im Fluss der Texte zu bleiben und gleichzeitig jedem Gedicht Raum zu geben. Man kann so was nicht einfach runterlesen, wahrscheinlich ist es das, was mir und vielen Lesern Probleme bereitet, wenn es um Lyrik geht. Schade eigentlich.

Yeats habe ich aus den Nobelpreisträgern ausgewählt, weil ich ihm vor vielen Jahren mal auf einem Buchcover begegnet bin: Yeats ist tot hieß der Band, der von einer handvoll Krimiautoren gemeinsam geschrieben wurde. Jeder schrieb ein Kapitel und reichte es dem nächsten Autor weiter. Es kam wie es kommen musste: Allzu oft schaffte der nächste in der Reihe die Protagonisten des vorangegangenen Schreibers aus dem Weg. Weil mir die Idee gefiel blieb der Titel hängen. Ich habe das Buch nicht einmal gelesen. Aber so musste es Yeats sein.

Yeats hat auch Prosatexte geschrieben, aber ich hielt es mal wieder für einen Schub Lyrik an der Zeit.


Der Band, den ich nichts ahnend aus der Stadtbibliothek entlieh, enthält einige vorher nie ins Deutsche übertragene Gedichte des irischen Freiheitskämpfers Yeats, immer neben den englischen Originalen, was besonders toll war. Gedichte sind so schwer zu übersetzen, dass ich mich hier lieber an das Original gehalten und die Übersetzung als Stütze benutzt habe. So hatte ich den Originalsound im Ohr und konnte trotzdem immer folgen.

Daneben sind die Gedichte außerdem nicht chronologisch geordnet, sondern nach Motiven. Es gibt allerdings keine sichtbare Einordnung; die Gedichte folgen frei aufeinander und man erkennt die thematischen Zusammenhänge von allein im Lesen. Das hat mir sehr gut gefallen, weil so ganz andere Vernetzungen möglich sind. Ein Werk immer an der Biografie des Urhebers festmachen zu wollen ist auch oft einfach zu kurz gegriffen. Andererseits fehlten jegliche weiterführenden Hinweise im Band, sodass ich als Yeats-Anfänger ständig halb im Internet hing und mich nicht so gut in das Buch 'zurücklehnen' konnte.

Die Gedichte von Yeats sind oft mystisch oder/und mit mythologischen Anspielungen gespickt. Ich mag den düsteren Klang von Sailing to Byzantium (englischer Wiki-Artikel mit Originaltext) auch wenn ich nicht alles verstehe:

That is no country for old men. The young
In one another's arms, birds in the trees
– Those dying generations – at their song,
The salmon falls, the mackerel crowded seas,
Fish, flesh, or fowl, commend all summer long
Whatever is begotten, born, and dies.
Caught in that sensual music all neglect
Monuments of unageing intellect.

Das ist nur die erste Strophe und ja, hier versteckt sich ein bekannter Romantitel. Auch in anderen Gedichten wurde ich fündig: Things fall apart zum Beispiel – auch ein Yeats-Zitat.

Andere Gedichte waren eigentlich ganz nah am Alltag: In "A cradle song" sitzt ein Elternteil an der Wiege des Kindes und denkt daran, dass dieses Kind schnell wachsenund sich verändern wird. Die letzte Strophe hat mir besonders gefallen:

I sigh that kiss you,
For I must own
That I shall miss you
When you have grown.

Macht mich direkt traurig. Bei Gedichten muss man wirklich aufpassen: Ein richtig guter Vers und – wham! – hallo, Melancholie. Nichts für Depressive.

Oft hat Yeats auch über die Rolle des Dichters nachgedacht und wie er die Schönheit einzufangen versucht. In Adam's curse fasst er zusammen:

For to articulate sweet sounds together
Is to work harder than all these, and yet
Be thought an idler by the noisy set
Of bankers, schoolmasters, and clergymen
The martyrs call the world.

Der Arme. Rackert sich ab und wird noch als Tunichtgut beschimpft. Zudem versteckt sich hier in der letzten Zeile eine kompakte Gesellschaftskritik. Also, dass die Menschheit sich selbst geißelt, wenn sie Banker, Lehrer und Prediger zu ihren Herren erwählt und Poeten nicht achtet. Eine immer noch aktuelle Position, wie ich finde. Geistige Arbeit wird in Zeiten des Internets mit der "Alles-umsonst"-Einstellung vielleicht weniger geachtet denn je.

Man merkt schon:

  1. So sehr gequält habe ich mich hier nicht.
  2. Gedichte heißen nicht umsonst so. Ich könnte ewig weiter darüber schreiben, was in einem einzigen Vers steckt.

Für wen ist Yeats, für wen sind Gedichte?

Ich kann Yeats dem empfehlen, der düstere Klänge goutieren kann und nicht den Anspruch hat, jeden Text allumfassend zu verstehen. Als Stimme Irlands kann man hier auch ein wenig dem Wunsch nach Unabhängigkeit nachspüren.

Aber abgesehen von Yeats finde ich eine Portion Gedichte hier und da kann jedem von uns nur gut tun: Gedichte entschleunigen und regen zum Nachdenken an. Zugegeben sind sie nicht leicht konsumierbar, aber genau das sollten wir vielleicht auch wieder lernen.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.de/2014/05/ein-jahr-mit-nobelpreistragern-wb-yeats.html