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Impressions from the reading life

Stolz und Vorurteil - Traum oder Trauma?

Stolz und Vorurteil (flexcover) - Helga Schulz, Jane Austen
Jane Austen ist für meinen Freund der Inbegriff des Kitsch. Wenn er nur ihren Namen sieht, erschauert er. Armer, unwissender Kerl. Dabei ist Miss Austen eine der fortschrittlichsten, unabhängigsten Frauen und Schriftstellerinnen ihrer Zeit gewesen, die alles andere als Kitsch produziert hat.
 
Doch die erste Berührung mit Jane Austens Werk, die gleichzeitig seine letzte sein sollte, erlebte er vor ungefähr sieben Jahren, als er dazu genötigt wurde, sich die Joe Wright Version von Stolz und Vorurteil anzusehen. Innerhalb der ersten dreißig Minuten bewogen ihn womöglich eben jene Schwächen, die die Geschichte anprangert, sich gegen diese Tyrannei aufzulehnen: Sein männlicher Stolz verbot ihm, die über den Bildschirm flimmernden Romanzen ernst zu nehmen, vor allem aber schlug das Vorurteil wie eine Bombe ein und verursachte das, was ich sein "Austen-Trauma" nenne.


Nach all den Jahren habe ich endlich das Original gelesen. Ich hatte keine Vorbehalte wie meine bessere Hälfte, denn ein jahrelanges Studium von Jane Austen-Verfilmungen und Dokumentationen hatte mich zu einer Bewunderin der Autorin gemacht, ohne dass ich jemals ein Buch von ihr in Händen gehalten hatte.

Muss ich zum Inhalt einer der bekanntesten Liebesgeschichten noch etwas sagen? Vielleicht vor allem dies: Stolz und Vorurteil ist so viel mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist ein Gesellschaftspanorama, unglaublich unterhaltsam, scharf beobachtet und ebenso in Worte gefasst. Die Figuren sind, bis auf wenige Ausnahmen, lebhaft und vielseitig.

Die Bennets haben fünf Töchter und keinen Sohn, zu Jane Austens Zeit eine kleine Katastrophe, denn um den Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, müssen alle fünf möglichst gut verheiratet werden. Dieses Unterfangen bestimmt Mrs. Bennets ganzes Sehnen und Beten. Das größte Hindernis ist dabei paradoxerweise, dass die Töchter durch das geringe Vermögen der Familie nicht allzu große Aussichten auf eine derartige Heirat haben.

Die ständig überspannte und peinlich aufdringliche Mrs. Bennet erschwert ihren Töchtern die Situation keinesfalls, obwohl sie sich für keine Tücke zu schade ist, um ihre Kinder an den Mann zu bringen.

Die meisten der Geschwister geraten im Verlauf des Romans in Versuchung oder Bedrängnis, doch dreht sich die Geschichte vor allem um die aufgeweckte, etwas widerspenstige Elizabeth, um ihre Sorgen und, ja, ihre vorschnelle Meinung. Denn wer hätte gedacht, dass hinter der stolzen Fassade Mr. Darcys auch menschliche Züge und gar Tugenden zu entdecken sind? (Jetzt hab ich ja doch eine Inhaltsangabe getippt...)

*   *   *
 

Da ich im letzten Jahr mit wachsender Begeisterung die 90er BBC-Verfilmung des Romans gesehen habe (die mit Jennifer Ehle und Colin Firth), wollte ich jetzt noch mal zur Hollywoodversion greifen (Keira Knightley und Co.), die ich fast komplett vergessen hatte.

 
Tja, was soll ich sagen, jetzt weiß ich zwar, warum ich den Film vergessen hatte, aber beim besten Willen nicht, was andere daran so toll finden. Zuerst das Positive: Bei einer Szene im Hause Mr. Darcys merkte ich, dass es sich bei dem Drehort um das wunderschöne Chatsworth House in Derbyshire handelt; bei einem Englandaufenthalt bin ich dort gewesen und im Roman wird tatsächlich erwähnt, das Elizabeth mit ihren Verwandten dort vorbeikommen würde. So viel zum Guten. Ja, das war schon alles.

 

Achtung, Liebhaber dieses Films, es könnte unangenehm werden.
Bingley, der im Buch einfach nur offenherzig gegenüber der ländlichen Bevölkerung war und eine geringe Selbstachtung hatte, die zu einer Fehleinschätzung seiner Wahrnehmung durch andere führte, wird hier als kompletter Trottel dargestellt. Warum sollte diesen stotternden Tölpel irgendeine Frau heiraten wollen, außer wegen seines Reichtums (gut, meinetwegen auch wegen seines Aussehens)?


Über Mr. Wickham kann ich bei erneutem Anschauen nur sagen, dass er einem gewissen Schmied in einem gewissen Piratenfilm gleicht, der Hauptdarstellerin Keira Knightley nach Hollywood beförderte... Die ganze Story um den Schmeichler Wickham scheint mir furchtbar gekürzt und zusammengestrichen, sodass Darcys Leistung nicht in ihrer ganzen Tragweite spürbar wird.

Als frisch gewonnener "Fan" des Buchs (ich mag das Wort nicht, aber vielleicht ist es in diesem Kommentar doch angebracht, weil ich womöglich leicht fanatisch wirke?) hat mich zudem folgendes gestört:

  1. Wichtige Dialoge, Schlüsselszenen, wurden für den Film neu geschrieben. Das sind doch die Stellen, die die richtigen Fans Wort für Wort mitsprechen wollen, oder nicht? Mal ganz abgesehen davon, dass Austens Version bei weitem präziser und auch lustiger formuliert war, in jedem Fall.
  2. Die im Film gezeigte Landschaft ist keine realistische, englische, sondern ist eine für Hollywood aufgemöbelte; im besten Fall soll sie wohl die etwas kitschig geratene Visualisierung des Seelenlebens der Hauptfiguren darstellen. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass durch die pompösen Szenenbilder in wilder Natur beim Zuschauer Emotionen geweckt werden sollen. Warum auf so eine vergleichsweise plumpe Technik zurückgreifen, wenn Miss Austen, der keine visuellen Mittel zur Verfügung standen, es nur durch Wortgewalt und Raison gelungen ist, mit Elizabeth zu fühlen?

Zuletzt habe ich auch als Cineastin eine Bemerkung übrig: Der Zoom von einer halbnahen Aufnahme zu einem Italian Shot (ca. 'Oberkörper mit ein bisschen Umgebung' hin zu 'Gesicht füllt das ganze Bild aus') ist eine äußerst seltene Kamerabewegung in einem derartigen Film. Warum mich das so mitgenommen hat? Man sieht so was normalerweise in Western und in Seifenopern. Und gleich hatte ich das Gefühl, GZSZ zu schauen oder etwas derartiges. Warum? Warum?! Wirkte auf mich lächerlich und hat mir zwei Schlüsselszenen verdorben.

Warum nur hatte ich, scheinbar als einzige auf weiter Flur, so wenig Freude an dem Film? Haben mich am Ende vielleicht auch Stolz und Vorurteil dazu gebracht? Aber ich lasse das jetzt nicht zu einem Austen-Trauma kommen; höchstens Joe Wright-Filmen werde ich jetzt eher aus dem Weg gehen. Ade, Anna Karenina.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.de/2014/04/buchverfilmungschallenge-stolz-und.html