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Impressions from the reading life

Gerhart Hauptmann: Der Biberpelz

Der Biberpelz. Eine Diebeskomödie (geheftet) - Gerhart Hauptmann

Yay, mein erster Nobelpreisträger! Ich habe schon selbst kaum noch dran geglaubt ;)

 

Gerhart Hauptmann ist für mich ein alter Bekannter, weil ich mehrere seiner Dramen für die Uni gelesen habe. Der Biberpelz lag allerdings schon länger bei mir rum, vielleicht gerade deswegen. Nicht, dass mir Hauptmann so schwer im Magen gelegen hätte, dass ich ihm fortan aus dem Weg gehen wollte. Es ist nur nicht ratsam, sich zu sehr auf einen Autor zu konzentrieren, wenn man Literatur studiert.

 

Um meinen späten Einstieg in die Challenge zu erleichtern, habe ich mit diesem schmalen Band begonnen, eine "Diebskomödie".

 

Frau Wolff ist Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte: In ihrem Haus, in dem der Mann eher eine Behinderung denn eine Hilfe zu sein scheint, gibt Mutter Wolffen den Ton an. Als Wäscherin verdient sie ihr Geld, drückt aber auch gerne mal ein Auge bei kleinen Nebeneinkünften zu, denn die Zeiten sind hart geworden.

 

Zu Beginn des Stücks kommt sie mit einem gewilderten Rehbock am späten Abend heim, wo ihre Tochter Leontine schon wartet, aus ihrer Anstellung als Hausmagd entfloh. Die Arbeitsbedingungen seien unmenschlich, sie armes Ding habe spät abends noch Holz schleppen sollen. Frau Wolff horcht auf, denn das Holz liegt nun unbeaufsichtigt herum.

 

Um es kurz zu machen: Frau Wolff hat scheinbar in jedem Verbrechen, das in diesem Stück Erwähnung findet, ihre Finger. Dabei wirkt sie zwar etwas skrupellos, zeigt aber trotzdem Moralvorstellungen, sodass sie nicht unsympathisch ist. Im Zentrum steht der Diebstahl des Biberpelzes, ein teures Stück, dessen Verschwinden dem Besitzer notwendig auffällt. Er erstattet Anzeige.

 

Auf der Seite des Gesetzes steht der Amtsvorsteher von Wehrhahn, ein Erzwilhelminist. Der liberale Bewohner des Ortes stört und interessiert ihn weit mehr als gestohlene Mäntel und verschwundenes Brennholz.

 

Die längste Zeit ist das Stück eine klassische Komödie (nur, dass man hier keine Hochzeit am Ende erwartet). Im letzten Akt kommt alles dann aber ganz anders.

Was deutlich war, ist Hauptmanns Kritik an obrigkeitshörigen Verfechtern wilhelministischer Scheinmoral, die ihr eigenes Gehirn gegen eine Pickelhaube eingetauscht zu haben scheinen. Das Verhalten der Gauner in diesem Drama wird nicht gerechtfertigt, aber doch relativiert.

 

Ich fühlte mich am Ende etwas vor den Kopf gestoßen, weil es wie gesagt unerwartet ist, und zwar in zweifacher Weise: Was geschieht und wie schnell alles vorbei ist. Bei zweitem Nachdenken finde ich den Schluss gelungen; auf der Bühne wirkt das bestimmt viel besser. Ich frage mich allerdings, ob "Der Biberpelz" oft aufgeführt wird, weil die meisten Charaktere einen Berliner Dialekt sprechen, der allerdings nicht unbedingt der (heutigen) Sprachrealität entspricht.

American Beaver

 

Als naturalistisches Drama hat mir Der Biberpelz wiederum ganz besonders gefallen. Andere, klassischere Beispiele sind eben nicht besonders lustig, bei ihnen bleibt einem höchstens das Lachen im Hals stecken (wie bei Woyzeck).

 

Einen Theaterbesuch würde ich empfehlen; auch die Hörspielfassung von 1958 mit Therese Giehse als Frau Wolff ist sehr gut – die habe ich vor einigen Jahren leider nur zur Hälfte hören können.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.com/2014/03/ein-jahr-mit-nobelpreistragern-gerhart.html