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Impressions from the reading life

Wer Felix Krull langatmig fand, der lese Verlockung!

Verlockung - János Székely

Dieses Buch lag schon lange auf meinem SuB, als in meiner ersten "Random Read"-Runde Verlockung als Lektüre zufällig ausgewählt wurde. Mein erster Gedanke war: "Uff! Dieser Wälzer. Muss das sein?" Zum Glück konnte mich Székely mit seinem tollen Erzählstil eines besseren belehren.

 

Béla wächst nach Ende des Ersten Weltkriegs in einem ungarischen Dorf auf. Das Leben meint es nicht gut mit ihm: Als uneheliches Kind lebt er nicht bei seiner Mutter, sondern bei einer grausamen, alten Hure, die ihr Geld damit verdient, sich kleiner Bastarde anzunehmen. Da Bélas Mutter aber mit ihren Zahlungen immer im Rückstand ist, muss der Junge oft hungern und wird zum Hausdiener degradiert.

Klingt nach Sara Crew? Aber hierbei handelt es sich keinesfalls um die rührende Schilderung eines schweren Lebensweges. Béla ist ein Kämpfer. Erst schafft er es, in die Schule gehen zu dürfen, ob wohl ihm das Schulgeld fehlt, und wird zum besten Schüler aller Zeiten. Als 12-jähriger entkommt er endlich dem trostlosen Dorfleben und zieht zu seiner Mutter nach Budapest. Er arbeitet in einem Luxushotel zuerst als Liftboy und dann als Page ‐ der Lohn besteht nur aus dem Trinkgeld, das er erhält.

 

Das Hotel ist als Mikrokosmos ein Spiegel der Gesellschaft: Die Gäste sind äußerst reich und gegenüber den armen Angestellten vollkommen ignorant. Eine Flasche Champagner kostet bei ihnen so viel, wie eine arme Familie in einem Monat nicht verdient. In dieser durch das Horthy-Regime immer weiter klaffenden Kluft zwischen Arm und Reich versuchen Béla und seine Familie irgendwie, über die Runden zu kommen.

 

Sein Zuhause, ein Wohnhaus in einem Armenbezirk der Stadt weit entfernt vom Zentrum, liest man von Hunger und Elend, wie ich es als Leser selten erlebt habe. Da alles durch die Augen des hartgesottenen Béla erzählt wird, der allerdings sein Herz am rechten Fleck hat, bleiben die Schilderungen aber eher sachlich, weil er die beschriebenen Situationen ja selbst kennt.

 

Mit der Zeit reift in Béla der Wunsch, nach Amerika, dem Land der Sehnsucht, auszuwandern. Doch wie ohne Geld und die Hoffnung, jemals genug Geld sparen zu können?

http://www.ujpest.hu/keruletrol
Újpest in den 1920ern

 

Spannend und vor allem sehr wortgewandt erzählt Janós Székely (spricht man [jɒno:ʃ se:kɛj], also ungefähr "Ianosch Seekäi") von den sozialen Missständen in Ungarn zwischen den Weltkriegen, von Kommunismus, Kapitalismus, Opportunismus. Zwar liest man diesen Wälzer nicht "mal eben schnell", aber die Zeit lohnt sich.

Székely wollte aus der Geschichte Bélas eine Trilogie machen und dabei immer sein eigenes, aufregendes Leben als Grundlage nehmen, doch der Autor verstarb 1958 in Berlin, nachdem er lange in New York gelebt und als Drehbuchautor sogar einen Oscar für das Drehbuch für "Arise, my love" erhalten hatte. Der frühere Bestseller war lange vergessen, bis ihn der SchirmerGraf Verlag wieder entdeckte.

Source: http://elektrischersalon.blogspot.com/2014/03/rezension-janos-szekely-verlockung.html